Interview mit Tobi Rosswog

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Tobi Rosswog ist ein Klimaschützer und freier Dozent, der 2,5 Jahre „geldfrei“ lebte und heute an verschiedensten Stellen für eine sozial-ökologische Transformation eintritt und alternative Lebensmodelle entwickelt.

 

Herr Rosswog, Sie haben 2,5 Jahre „geldfrei“ gelebt – wie kam es dazu und wie hat das funktioniert?

Bei einem FÖJ Seminar durfte ich vor mittlerweile fünf Jahren einen Projekttag zum Thema Welternährung geben. Ein Teilnehmer gab mir das Feedback in Form einer Frage: „Tobi, das machst Du ganz nett, wieso machst Du das eigentlich nicht öfter?“. Das fragte ich mich auch und bemerkte, dass ich ja noch studierte und deswegen gar nicht mehr Zeit hatte, um mehr solcher Bildungsveranstaltungen zu begleiten. Dann fragte ich mich: „Wieso studiere ich eigentlich?“, fand keine befriedigende Antwort und entschloss mich, mein Studium erfolgreich abzubrechen, all mein Geld zu verschenken, um dann im Vertrauen in die Welt zu gehen und all meine Talente bedingungslos zu teilen.

Es funktioniert, weil wir in einer unglaublichen Wegwerfgesellschaft leben, in der es einen enormen Überfluss – eine wunderbare Fülle – gibt. Die Idee: Vorhandenes sinnvoll nutzen – das war mein Motto. Das ist übrigens auch das Nachhaltigste was ich tun kann, weil ich keine weitere finanzielle Nachfrage für ein Angebot schaffe, welches in Hülle und Fülle vorhanden ist.

Sie sagen, Ihr Ziel sei eine sozial-ökologische Transformation und ein gutes Leben für alle. Was meinen Sie damit und wie lässt sich dieses Ziel erreichen?

Zunächst eine ganz kurze Analyse mit der klaren Aussage: Wir leben aktuell in einer unglaublich ungerechten Welt. Acht Männer besitzen soviel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das liegt nicht an den acht Menschen, die angeblich so gierig sein sollen, sondern hat systemische Ursachen. Unfair und unökologisch zu handeln wird in unserer Gesellschaft belohnt. Auch ökologisch betrachtet leben wir über unsere Verhältnisse. Es gibt also viel zu tun. Fangen wir an, hier und jetzt. Aus meinen Privilegien entsteht Verantwortung zum Handeln.

Wenn wir uns fragen, was wir alleine schon tun können, heißt die Antwort des Kapitalismus: Geh einfach grün und fair einkaufen und alles wird gut. Mit Deinem Geld entscheidest Du an der Kasse, ob die Welt besser oder schlechter wird. Das ist allerdings ein Mythos. Wir sollten uns nicht nur als Konsument*innen, sondern aktive Gestalter*innen der Realität begreifen. Proaktiv sollten wir den Wandel gemeinsam gestalten.

Was kann jede*r Einzelne Ihrer Meinung nach in seinem*ihren Alltag tun, um zu einer klimafreundlicheren, gerechteren Welt beizutragen?

Zwei Fragen könnten dabei helfen:

  1. Was ist mein Talent und wie mag ich am liebsten dieses gemeinwohldienlich teilen? Und: Was würde ich tun, wenn Geld keine Rolle spielt? Damit kann ich intrinsisch motiviert und selbstbestimmt aktiv werden und muss mich nicht fremdbestimmt extrinsisch durch Geld motiviert verwerten.
  2. Was brauche ich eigentlich wirklich? Also die Frage nach der Suffizienz, der Genügsamkeit, stellen. Wichtigerweise aber nicht verstanden als Verzicht, sondern Lebensfreude. Ich brauche nicht alles selbst kaufen, sondern kann es mit anderen teilen.

Wichtig ist, dass es dabei um die sogenannten Big-Points geht. Damit sind vor allem die Bereiche Mobilität, Ernährung und Wohnen gemeint. Damit einher geht: Nicht fliegen, möglichst pflanzlich ernähren und den Wohnraum möglichst kollektiv nutzen.

Was sind Ihrer Ansicht nach drei Entscheidungen, die sofort getroffen werden müssten und könnten, um die Klimaschutzziele der Bundesregierung, die für 2020 vorgesehen waren, zu erreichen?

  1. Freier ÖPNV für alle
  2. Werbeflächen im öffentlichen Raum durch Bäume austauschen
  3. Kommunalen Leerstand für Initiativen freigeben, damit diese sich dort organisieren können, um diverse Projekte wie Umsonstläden oder Urban-Gardening zu ermöglichen

Wir als regionale Klimaschutzagentur Hildesheim-Peine gGmbH sind bestrebt, regionale Akteure für den Klimaschutz zu begeistern und nachhaltige Projekte zu initiieren. Welche Themen sind Ihrer Meinung nach bei den Bürgerinnen und Bürgern von größter Bedeutung?

Im Grunde ergeben sich diese Themenideen aus den aufgeführten Big-Points. Die Bereiche Mobilität, Ernährung und Wohnen bergen großes Potenzial für mehr Nachhaltigkeit und sollten sowohl von Privatpersonen, als auch von der Klimaschutzagentur angegangen werden.